René Röspel MdB
Rede im Bundestag
Ihr Abgeordneter für Hagen und den südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis

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29. Januar 2016

Technologiewandel wird Lebenskonzepte verändern

Rede des SPD-Bundestagsabgeordneten René Röspel am 29. Januar 2016 zum TOP 25 „Innovative Arbeitsforschung Arbeitsforschung für eine Humanisierung unserer Arbeitswelt und mehr Beschäftigung".

(Drucksache 18/7363)

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich glaube, dass uns gerade ein sehr bunter Strauß unterschiedlichster Themen, die mit dem eigentlichen Thema sehr wenig zu tun haben, präsentiert wurde. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Sie schlicht neidisch darauf sind, dass wir im Bereich Arbeits-, Dienstleistungs- und Produktionsforschung wirklich ein Stück weitergekommen sind.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Anders als die Linken warten wir nicht auf Wunder, sondern wir krempeln die Ärmel hoch und setzen uns zusammen, was in einer Koalition nicht immer einfach ist. Aber, Herr Kaufmann, Ihr Lob kann ich Ihnen zurückgeben. Wir haben das geschafft. Wir sind auf dem Weg hin zu einer guten Arbeitsforschung in den letzten Monaten ein großes Stück weitergekommen. Das wird ein neuer Impuls werden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Schaffung menschengerechter Arbeitsbedingungen: ein Ziel staatlicher Forschungsförderung. – Diesen Satz hat vor 40 Jahren – ich will auf das Urheberrecht hinweisen – der damalige Forschungsminister Hans Matthöfer gesagt, als er das wirklich wegweisende Projekt – Kollege Kaufmann hat es erwähnt – „Humanisierung des Arbeitslebens" auf den Weg gebracht hat.
Dabei ging es um die Frage: Wie gehen wir mit diesem technologischen Wandel, den wir erleben, um? Damals bezog sich das Programm eher darauf, den Arbeits- und Gesundheitsschutz für Arbeitnehmer tatsächlich zu verbessern oder überhaupt erst herzustellen und den Jugendarbeitsschutz zu berücksichtigen. Man war noch nicht so weit, dem technologischen Wandel wirklich vorauszugehen. Aber vielleicht war damals der technologische Wandel spürbarer als heute.
Ich erinnere mich – einige von Ihnen vielleicht auch –: Meine Familie hat gegenüber einer Kohlenhandlung gewohnt. Als Kind habe ich jeden Tag gesehen, wie zwei der drei starke, kräftige Kerle - wahrscheinlich Männer ohne Ausbildungsberuf – jeden Tag Zentner von Kohlen bewegt haben. Ich habe manchmal meiner Großmutter Kohlen bis unter das Dach im fünften Stock geschleppt, weil sie einen Kohlenofen hatte. Was war ich froh, als endlich die Zentralheizung kam! Das bedeutete aber, dass die Kohlenhandlung irgendwann verschwunden war, weil keiner mehr Kohlen brauchte.
Das hatte einen großen Strukturwandel zur Folge. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, wo wir in den 50er-Jahren 500 000 Bergleute hatten. Heute sind es knapp über 5000. Es hat also dramatische gesellschaftliche Auswirkungen, wenn man das nicht vernünftig begleitet.
Den Kohlenhändler gibt es nicht mehr. Aber im Bereich des Sanitär-, Klempner und Heizungswesens hat es einen richtigen Schub an Technologie gegeben. Das heißt, Arbeitsbedingungen und Technologie wandeln sich. Darauf muss sich die Gesellschaft vorbereiten.
Es ist übrigens richtig: Nachdem von 1974 bis 1980 das wichtige Programm „Humanisierung des Arbeitslebens" gelaufen ist, wurde es in den 80er-Jahren, von 1984 bis 1989, von einem Forschungsminister fortgesetzt, der dann das Programm „Arbeit und Technik" auf den Weg brachte, dem sogar ein breiter Innovationsbegriff zugrunde lag und das nicht nur die Technik im Blick hatte. Wenn er anwesend wäre, würde ich Heinz Riesenhuber jetzt persönlich dafür loben. Aber er kann es im Protokoll nachlesen. Es war ein sehr weitsichtiger Schritt, Arbeits und Dienstleistungsforschung fortzusetzen. Er hat damals gesagt – ich zitiere: „ Wer immer nur an Technik denkt, wenn von Innovationen die Rede ist, braucht sich über Misserfolge nicht zu wundern." Das heißt, der Innovationsbegriff ist beim Technologiewandel viel breiter zu sehen als nur unter dem Gesichtspunkt, welche neuen Technologien wir haben.
(Beifall der Abg. Dagmar Ziegler [SPD])
Leider ist das in den 90er-Jahren in der Arbeitsforschung in den Hintergrund gerückt und hat an Bedeutung verloren. Deswegen bin ich sehr froh, dass es uns gemeinsam in der Koalition gelungen ist, in den Koalitionsvertrag aufzunehmen, dass wir in enger Abstimmung mit den Sozialpartnern, weil Arbeitgeber und Gewerkschaften wichtig sind und sich sehr gut damit auskennen, ein neues Programm für Arbeits-, Dienstleistungs- und Produktionsforschung auf den Weg bringen werden, und das machen wir. Mein Dank gilt dem BMBF, dass bis 2020 eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt werden, damit wir erforschen können, wie sich Arbeit und Produktion verändern werden und wie der Technologiewandel möglicherweise dazu beitragen wird, dass auch Lebenskonzepte sich verändern, weil bestimmte Berufe vielleicht nicht mehr gebraucht werden.
Herr Kaufmann hat auf die Ängste hingewiesen, die damit verbunden sind, und einige Beispiele genannt. Den Kohlenhändler gibt es nicht mehr, und wir werden sehen, was sich noch alles verändern wird. Wir werden drei Ebenen im Blick behalten, die betroffen sind: den Menschen – den Arbeitnehmer wie auch den Arbeitgeber –, die Gesellschaft und den Staat. Wir müssen uns anschauen, wie sich die veränderten Produktionsbedingungen jeweils auf sie auswirken.
Wichtig für den Menschen ist: Wie geht er mit einer Digitalisierung des Arbeitsplatzes um? Wie ist es, wenn auf einmal die Vorstellung einer menschenleeren Fabrik aufkommt? Von der Fraunhofer-Gesellschaft gibt es schon ein Pilotprojekt zur menschenleeren Fabrik. Sind dann nur noch Roboter am Werk? Was braucht man für Qualifizierungen, um in einer solchen Arbeitswelt einen Arbeitsplatz zu finden oder behalten zu können? Vor allen Dingen ist es auch wichtig, zu beachten, welche Veränderungen das bei den Arbeitsbedingungen mit sich bringt. Die Kohlenzentner brauchen nicht mehr geschleppt zu werden, aber die Auswirkungen von großem Stress und die Folgen der Digitalisierung können auch sehr negativ sein. Das bekommen wir im täglichen Leben zu spüren.
Genau da setzen wir mit den Programmen an. Wichtig ist es auch für Unternehmer, zu wissen, wie Arbeitsbedingungen aussehen müssen. Was bedeutet es, wenn dem Erfahrungswissen eines gut ausgebildeten Facharbeiters die Algorithmen des Roboters gegenüberstehen? Wie muss man das vernünftig vernetzen, damit gute Produkte dabei herauskommen?
Am Ende ist die Frage – das mag das Beispiel der Steinkohle im Ruhrgebiet zeigen –: Was bedeuten diese Veränderungen in der digitalen Welt, in der Technisierung, bei neuen Technologien bis hin dazu, dass man mit einem dreidimensionalen Drucker Unikate ausdrucken kann und die große Fabrik, die Tausende von Produkten herstellt, vielleicht nicht mehr gebraucht wird, für eine Gesellschaft, und welche Antwort werden wir geben müssen?
Deswegen ist es, glaube ich, ein großer Fortschritt, dass wir das jetzt mit dem Programm „Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen" auf den Weg gebracht haben. Wir werden selbstverständlich auch die Fragen von Partizipation, Teilhabe an Entscheidungen und Mitbestimmung beleuchten. Das gehört nämlich dazu.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Ich darf zum Schluss meiner Rede Hans Matthöfer zitieren. Er hat 1976 gesagt: „Der Kampf um menschengerechte Arbeitsbedingungen, um die Behauptung der Würde des Menschen in der industriellen Arbeitswelt wurde nicht erst heute begonnen und wird morgen nicht beendet sein. Er begleitet den gesamten Prozess der wirtschaftlich-technischen Entwicklung." Heute würde man das vielleicht ein bisschen anders formulieren. Aber recht hat er gehabt. Diese Mahnung nehmen wir mit als Auftrag.

Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)